Montag, 28. März 2011

Rezension: Seidentanz von Federica de Cesco

Federica de Cesco
Seidentanz
639 Seiten
Marion von Schröder Verlag (1. September 1997)
Gebundene Ausgabe

Kurzbeschreibung:
Der Tanz hat Ruth Cohen schon als kleines Mädchen begeistert. Sie absolvierte eine klassische Ballettausbildung und wandte sich später dem Ausdruckstanz zu. Während eines Aufenthalts in Venedig lernt sie die japanische Tänzerin Naomi kennen und wird von dieser nach Japan eingeladen. Dort angekommen, macht Ruth sich intensiv mit der fremden Kultur vertraut. Als sie in einem Schrein einen japanischen Ausdruckstanz vorführt, geschieht etwas Merkwürdiges mit ihr. Sie hat eine Vision voll bedrohlicher, rätselhafter Bilder, die sie nicht mehr loslassen.

Der Klappentext klang in meinen Ohren faszinierend. Doch die ersten Seiten haben mich damals enorm abgeschreckt.
Sie wirkten wie eine über romantisierte, erzwungen poetische Groteske, die gleichzeitig erotisch und faszinierend wirken sollte. Aber nichts davon hatte auch nur irgendeine Wirkung auf mich.
Es fehlte der rote Faden und lange wusste ich einfach nicht worauf die Autorin hinaus wollte. Mir fehlte die stringente Handlung.
Übrigens trotz des fantastisch anmutenden Klappentextes ist das Buch kein Fantasybuch. Es ist eher ein Roman mit mystischen, rätselhaften Anklängen.

Die verschiedenen Charaktere wurden von der Protagonistin (Ich-Erzählerin) überstylisiert und wirkten unglaubwürdig. Ich konnte mich zwar zwangsweise mit der Protagonistin identifizieren, aber alle anderen Figuren blieben mir fremd. Ihre Beschreibungen waren einfach zu mystisch, zu geheimnisvoll, zu abwegig, als dass ich eine emotionale Bindung zu ihnen hätte aufbauen können.
Auch die Dialoge sind irrational und kaum nachvollziehbar. Manchmal wird Wissen bei dem einen Charakter voraus gesetzt, das er unmöglich haben kann.

Generell scheint die ganze Geschichte (Sie lebt von Beschreibungen und weniger von Handlung) von der Realität entrückt und spielt sich viel mehr auf einer Bühne im Kopf der Protagonistin ab, als in der wirklichen Welt. Das Geschehen wird ebenso mystisch geschildert wie die Figuren. Vielleicht fehlte mir deshalb der Bezug zu der Geschichte.
Jedes Fitzelchen Umwelt schien eine umwerfende Schönheit in sich zu bergen, ließ (in meinen Augen) aber nur Stringens und Logik vermissen.
Die ganze Geschichte wirkte viel mehr, wie eine Beschreibung eines Traums, den die Autorin einmal gehabt hat.

Und dann kam das Ende. Mit Wucht und erdrückend. Und plötzlich fügten sich all die seltsamen, irrationalen Kleinigkeiten zu einem großen Ganzen. Ich hatte wirklich diesen Aha-Effekt, als würden mir die Augen geöffnet werden.
Ich war für einen Moment wirklich aus der Fassung gebracht.
Das Traumhafte musste einer bitteren Wirklichkeit weichen. Und jetzt war die Geschichte tatsächlich faszinierend.

Die Sprache entblößte endlich ihre wahre Poesie und ich war gefesselt. Ich denke, Seidentanz ist ein Buch, das sich gerade bei einem zweiten Lesedurchgang voll und ganz entfalten kann. Weil man plötzlich ganz andere Zusammenhänge erkennt und vor allem die Absicht der Autorin erahnen kann. Trotzdem bleibt es bei einem Erahnen, denn in vielen Dingen bleibt der Leser auch nach dem Ende des Buches noch im Unklaren und der geheimnisvolle Schreibstil hinterlässt eine bittere Süße auf der Zunge.

In meinen Augen ist Seidentanz ein Meisterwerk. Mit einem wunderschönen Cover und einem wunderschönen Titel, wie ich finde. Aber ich würde nicht jedem raten das Buch zu lesen. Der Schreibstil, die Figuren, die Geschichte, die Handlung ist etwas besonderes und gewöhnungsbedürftig. Das wird nicht jedermanns Geschmack sein.

Seidentanz war ein Geschenk zu meinem vorletzten Geburtstag und die Person, die mir das Buch geschenkt hat, hat es auf meine Empfehlung hin ebenfalls gelesen und war geradezu abgestoßen von dem Buch.
Aber ich kann nur sagen, es ist möglich, dass derjenige, der den Mut hat, diese eigenwillige Geschichte zu lesen, vielleicht belohnt werden wird, oder enttäuscht, je nachdem.
Aber einfach war das Lesen wirklich nicht. Im Nachhinein habe ich den Flair des Buches geliebt und das Gefühl, dass ich auf den letzten Seiten gehabt habe, werde ich wohl nie mehr vergessen.

P.S. Das Buch kam mir aufgrund der aktuellen Ereignisse in Japan wieder in den Sinn. Mehr kann ich dazu aber nicht sagen. Außer vielleicht, lest selbst.

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