Samstag, 7. Mai 2011

Rezension: Tod in Neverland von Ronald Malfi

Ronald Malfi
Tod in Neverland
Otherworld (Januar 2001)
509 Seiten
Broschiert
Originaltitel: The Fall of Never
ISBN: 978-3800095377
16,95 Euro






 Vielen Vielen Dank an den Otherworld Verlag für dieses wundervolle Rezensionsexemplar!!!


Kurzbeschreibung:
Kelly weiß nicht mehr was in den ersten 15 Jahren ihres Lebens geschehen ist. Sie hat gelernt mit der Unwissenheit zu leben, hat verdrängt, dass es da etwas gab, das es zu wissen lohnte. Sie hat eine gescheiterte Ehe hinter sich und irgendwie meistert sie das Leben im Zentrum der Stadt. Doch dann bekommt sie plötzlich einen Anruf und muss erfahren, dass ihre kleine Schwester überfallen wurde und seitdem im Koma liegt.
Sie macht sich auf den Weg zurück in die alte Heimat und auch zurück zu den alten Erinnerungen. Und das was sie dabei erleben muss, raubt ihr fast den Verstand.“

Vorneweg muss ich erst mal sagen, dass ich Bücher liebe, in denen zerstückelte oder nicht vorhandene Erinnerungen vorkommen. Traumata und ihre Auswirkungen auf den menschlichen Geist interessieren und faszinieren mich schon seit langem.
Und gerade dieses Thema ist auf wundervolle und spannende Art und Weise in dem Roman „Tod in Neverland“ umgesetzt worden.
Malfi versteht es meisterhaft eine glaubwürdige und geladene Atmosphäre zu erschaffen. Die Gedankenfetzen, die Kelly immer wieder durch den Kopf gehen, sind so realistisch und mystisch, dass es mir mehrfach fast den Atem geraubt hätte.

Der Autor gibt nie zu viel preis, so dass die Spannung konstant gehalten werden kann, aber auch nicht zu wenig, so dass der Leser sich zu langweilen beginnt. Er schafft die Gratwanderung aus Geheimnis und Offenbarung so meisterhaft, als hätte er nie etwas anderes getan, als die Wirren des menschlichen Geistes auf so unnachahmliche Weise zu erforschen.
Das Buch war fesselnd von Anfang an und blieb es bis zum Schluss.

Viele Themen, die aufgegriffen werden, fügen sich nahtlos in das Geschehen ein und tragen zum Gesamtkonzept des Buches mehr als maßgeblich bei. Jede der Zwischenszenen, wie zum Beispiel Kellys Erinnerung an die Anstalt, passten perfekt zum Gefühl des Buches.
Gegen Ende gab es einen überraschenden Höhepunkt nach dem anderen. Und auch diese sind perfekt in die Konzeption des Romans eingeflochten.
Als der Knoten der Erinnerung endlich bei der Protagonistin platzt, ist es für den Leser wie ein plötzliches Luftholen an der Wasseroberfläche. Eine weitere Seite ohne klare Gedanken und dem bestehenden Gefühl im Wahnsinn der Figuren zu ertrinken, wäre nicht möglich gewesen. Wieder trifft Malfi auf den Punkt genau die Stelle, an der die Offenbarung endlich kommen muss.

Schon nach der Hälfte des Buches hatte ich bestimmte Vorgänge oder Personen im Verdacht, irgendwie an Kellys Gedächtnisverlust Schuld zu haben und war dann vom Ende umso überraschter. Denn mit dem, was wirklich vorgegangen war, hatten meine Ideen, Hoffnungen und Fantasien rein gar nichts mehr zu tun.
Die Lösung hätte man sich gar nicht besser ausdenken können, als es der Autor letztendlich getan hat. Denn gerade bei der Lösung ging es um absolutes Fingerspitzengefühl und Malfi beweist, dass er es hat.
Der knappe Rand zwischen märchenhaftem Setting (Schnee in den Wäldern, Lebkuchenhäusern, Dorfgemeinschaften und fließenden Bächen) und der Grausamkeit der eigenen Fantasie (der Kuchenmann, der Stein, Blut im Wasser, der hinkende Hund) wird wunderbar überwunden und genau an der richtigen Stelle vermischt.

Das Ende hätte in meinen Augen aber etwas schneller behandelt werden können. Vor allem auf den letzten Seiten fühlt es sich an, als drehe der Autor sich im Kreis. Die gleichen Wendungen, Wortwiederholungen und gerade die Angst, Hilflosigkeit und der Wahnsinn der Figuren wird einfach so oft wiedergekäut, dass es irgendwann anfing zu nerven. Aber bevor es mich tatsächlich gelangweilt hat, findet der Autor wieder einen Weg zurück und beendet das Buch mit einem galanten Epilog, der mich absolut zufrieden und ausgefüllt zurück gelassen hat.

An manchen Stellen hätte ich mir aber auch etwas mehr von Kelly gewünscht und etwas weniger von den anderen Figuren Josh, Nellie und Carlos.
Nicht dass mir die Drei nicht mit der Zeit auch ans Herz gewachsen waren und dass sie vielschichtig und faszinierend auf mich wirkten, aber manchmal war der Handlungsfaden um Kelly einfach so spannend, dass ich mich nur widerwillig von ihren Kapiteln getrennt habe. Gerade die Zustände nahe des Nervenzusammenbruchs bei Josh und Carlos waren teilweise etwas übertrieben und interessierten mich irgendwann nur noch am Rande.

Aber alles in Allem ist „Tod in Neverland“ äußerst gelungen. Es ist fesselnd, aufgeladen, atmosphärisch und geheimnisvoll. Ein Buch zum Immer-Wieder-Lesen, weil ich glaube, dass man bei jeder neuen Lektüre, auch neue Hinweise auf das tatsächliche Ende des Buches finden wird. Äußerst überraschend und genau auf den Punkt.

Zuletzt MUSS einfach noch etwas zum Cover und der Aufmachung des Buches gesagt werden. Das Cover ist ein absoluter Hingucker. Die Farbgestaltung ist genau richtig, trifft den Zwiespalt von Märchenwelt und Wahn perfekt und auch die Darstellungen sind ein direkter Hinweis auf die Geschichte selbst. Wirklich wunderschön gewählt.
Außerdem ist das Buch inhaltlich in drei Teile geteilt und auch die Zwischenkapitel klingen schon einladend und interessant. Worte, die wie Zucker auf der Zunge schmelzen. Generell ein großes Lob auch an den Übersetzer des Buches. Sehr gut getroffen.

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