Sonntag, 4. September 2011

Rezension: Drift von Michel Bozikovic


Drift
Michel Bozikovic
ISBN: 978-3608502114
Gebunden
19,95 Euro
319 Seiten

Drift ist die absolute Ästhetik der Dekadenz!

Kurzbeschreibung:
Angeekelt von der Leere und Sinnlosigkeit des Lebens, zieht Julien in den Krieg, lässt Familie und Freundin zurück und überlässt ihm die Wahl: Leben oder Sterben!
Martin dagegen ist ein erfolgloser Schriftsteller. Gerade von seiner Geliebten verlassen, gerät er erneut in den Drogensumpf. Doch als letzten Haltepunkt in seinem Leben will er Juliens Geschichte erzählen, mit ihr erfolgreich werden oder untergehen.

Drift ist: Wahn und Wirklichkeit, Drogensumpf und Exzess. Ist Tod und Gewalt und Krieg und Liebe. Ist bemerkenswert poetisch und erschreckend wahr. Ist im Endeffekt nur die absurde Ästhetik der Dekadenz.
Drift ist in zwei Worten: Unglaublich und perfekt!

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Selten ist der Titel eines Romans so passend gewesen, wie bei diesem Buch. Drift (aus dem engl. Anwehen, abweichen, abtreiben oder auch (die) Verwehung) ist genau das. Das Abweichen von der Alltagsnorm, das abtreiben in Alkoholismus und Suizid. Ist das anwehen und fortwehen von Emotionen und Ängsten. Ist das verwehen von Gedanken und Erinnerungen.
Es ist erschreckend. Selten hat mich ein Buch schon bei seinem zweiten Satz so sehr in den Bann gezogen.

"Er saß in einem Café [...] und zeichnete Quader und Würfel in sein Notizbuch, Große und kleine, aufeinander getürmte und ineinander verschachtelte. Leere Hüllen, dachte er; schreib deinen Namen hinein und es ändert nichts." S. 5

Bozikovic bindet seinen Schreibstil auf sehr unterschiedliche Weise an die beiden Charaktere, Julien und Martin.
Julien erzählt seine Geschichte quasi selbst. Aber nie verwendet er das Personal- oder Possessivpronomen der ersten Person (Ich, meiner, mir, mich etc.) Immer erzählt er aus der Sicht des unpersönlichen und distanzierten „man“. Doch trotz dieser allgemein gehaltenen Wendung und der Fremdartigkeit dieser Erzählsituation wirkt die Figur Julien so tiefgreifend und beängstigend real, dass man keine Schwierigkeiten hat, bei Julien, in Julien – nein – Julien selbst zu sein. In manchen Situationen wird der Sprachstil plötzlich konturlos, losgelöst, surreal, und trotzdem so tiefgreifend, dass man sich als Leser von dem Charakter Julien nicht mehr trennen kann. Selten hat mich eine Figur in einem Roman so sehr verfolgt, so sehr mitgerissen, so nah an sich heran gelassen, wie Julien in Drift.

"[...] und es ist ein tiefes Gefühl der Befriedigung, wenn der Getroffene sich um die eigene Achse dreht und zu Boden geht; man denkt nicht, man fühlt nicht, man ist. Angekommen." S. 94

Martin dagegen ist ein – entschuldigt das nicht jugendfreie Wort – abgef*ckter, suizidaler und drogensüchtiger Alkoholiker, der in seinem Leben nichts auf die Reihe zu kriegen scheint. Nach der Trennung von seiner Frau, verfällt er erneut dem Kokain, dem Heroin und seiner selbstmitleidigen Depression. Diesmal ist Bozikovic' Stil erschreckend klar. Er findet harte Worte und bleibt schonungslos ehrlich. Teilweise überspitzt bizarr.
Martin erzählt seine Geschichte nicht selbst, das übernimmt an dieser Stelle ein personaler Erzähler, der jeden Abgrund in Martin kennt und jeden verräterischen Gedanken und ihm dem Leser brühwarm auf dem Silbertablett serviert.
Zunächst erscheint Martins Geschichte sehr linear geschrieben zu sein, aber mehr und mehr muss der Leser erkennen, dass die Erzählung zwischen den Zeitlinien springt. Dass zwischen Gegenwart und Erinnerung gewechselt wird, zwischen Gestern und Später. Und wenn er dann wieder einem seiner Exzesse nachgeht, dann ist es für Martin nicht mehr einfach zu erkennen, was Wahrheit ist und was der Trip.
Aber an keiner Stelle kommt Verwirrung auf. Der Leser weiß woran er ist. Bozikovic' Wortwahl wirkt bestechend wirklich und trotz all der Dekadenz erschreckend ansprechend. Martin und Julien sind Figuren, die den Leser auf absurde Weise erregen und abstoßen. Und beides zur gleichen Zeit. 

"Krieg hat nichts Romantisches und das eigene Sterben noch weniger; [...] " S. 208

Der Stil des Autors kann nur als „anders“ bezeichnet werden, als kunstvoll anders. Viele Sätze sind unverblümt ehrlich, andere durch die kurzen Reihungen und die extremen stakkatoartigen Wendungen atemberaubend und andere durch Metaphern und Gedanken poetisch,die eine süße Bitterkeit auf der Zunge hinterlassen, oder auch nur ein Kratzen in der Kehle. Sätze, die zum Nachdenken anregen oder zum (alb)träumen.

Das Ende kündigt sich an und scheint nicht kommen zu wollen. Und wenn es dann endlich da ist, bemerkt es der Leser erst, wenn er den letzten Satz gelesen hat, noch ein mal die pechschwarzen Innenseiten des Buches berührt hat, den Schutzumschlag ein letztes Mal um den Einband schlingt und das Buch vorsichtig, fast zärtlich zurück an seinen Platz stellt.
Aber damit nicht genug. Das Ende – nein der ganze Roman – lassen einen nicht los. Machen sprachlos, nehmen gefangen, fesseln so sehr, dass man sich kurze Zeit später wieder vor dem Regal wieder findet, Drift zur Hand nimmt, die unterstrichenen Szenen ein weiteres Mal liest und sich fragt wer Julien ist und wer Martin und ob sie nicht im Endeffekt – oder schon immer – ein und dieselbe Person gewesen sind.

"'Wut und Hass, die von zu viel Schmerz kommen. Hasse, so viel du willst, aber hasse kalt, hasse mit deinem Verstand. Lass dein Herz daraus.' 'Warum?' fragt man weil man nicht sicher ist, ob man verstanden hat. 'Weil dein Herz alles daransetzen wird, dem Schmerz ein Ende zu bereiten und dich zu deiner Geliebten zu bringen.'" S. 227

Auch die Aufmachung des Buches ist wie sie sein sollte. Gebunden, mit weißem Einband und schwarzer Titelschrift. Die Innenseiten des Einbandes sind schwarz und fühlen sich weich an. Der Schutzumschlag greift genau diese Elemente auf. Schwarz, weiß, mit kleinen farblichen Abweichungen, die fast transparent wirken. Seitengröße und Schriftart sind angemessen und angenehm für den Leser.

"Das ist keine Liebe, das ist Verlangen nach Auflösung, nach Verschmelzen zu einer erinnerungslosen Einheit, einer Einheit ohne Vergangenheit, dem Schaffen einer neuen, hell erleuchteten Seele, die keine Abgründe kennt und keine Schreie hört [...]" S. 272

Drift ist rund um zu empfehlen. Drift ist teilweise unwirklich, teilweise absolut real. Und wer einmal ein perfektes Ende lesen will, sollte Drift lesen. Denn Drift ist wahre Kunst.

5 von 5 Punkten mit Stern

Kommentare:

  1. Was für eine super Rezension! Toll geschrieben und auf den Punkt gebracht! Dafür wirklich mein Lob!

    Und jetzt hast du mich auf das Buch wirklich neugierig gemacht. Ich muss es mir wohl schauen wo ich auftreiben kann!

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  2. Ich danke dir. Das Buch hat einfach die Aufmerksamkeit verdient.

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  3. Danke für diese informative und wirklich schön geschriebene Rezension. "DRIFT" wird direkt auf meine "MUSS ICH UNBEDINGT HABEN" Liste kommen.

    Viele liebe Grüße, Tanja

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