Mittwoch, 4. Januar 2012

Rezension: Die Tribute von Panem von Suzanne Collins

Kurzbeschreibung:
Katniss lebt im Saum von Distrikt 12, einem der 12 Distrikte, die unter der Herrschaft des Kapitols zu leiden haben. Denn es herrscht akute Hungersnot und eine ständige Gefahr in den Bergwerken umzukommen, als die alljährlichen Hungerspiele wieder im Raum stehen.
Bei den Hungerspielen müssen Kinder und Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren in einer Arena gegeneinander antreten. Und es kann nur einer überleben. In diesem Jahr ist es auch Katniss, deren Name gezogen wird und die sich 23 anderen Tributen in der Arena gegenüber sieht.

Die Tribute von Panem sind zurecht so bekannt geworden und zurecht so hoch gelobt. Lange Zeit war ich skeptisch, einerseits weil ich Bücher, die zu den Bestsellern gehören immer mit großem Misstrauen betrachte und andererseits weil ich die Angst hatte, dass die Tribute von Panem von ihrer Grundstruktur zu sehr an „Battle Royale“ erinnern könnten.
Aber außer der Idee verschiedener Personen, die sich bis auf den Letzten bekämpfen, haben die Romane nur wenige Gemeinsamkeiten.

Die Tribute von Panem sind durchgehend sehr stringent konzipiert und an Charaktertiefe und Entwicklung kaum zu überbieten. Der Sprachstil ist kurz, schnell, aber jugendlich leicht zu lesen und die handelnden Personen sind interessant und vielfältig gezeichnet.
Panem ist ebenfalls abwechslungsreich und nicht arm an den unterschiedlichsten Aspekten. Der Saum wirkt bedrückend. Hunger und Not und Leid sind allgegenwärtig und allein in Distrikt 12 sind die „Standesunterschiede“ bedeutsam und können über Leben und Tod entscheiden.
Aber auch das Kapitol, in all seiner dekadenten Farbenfülle, hat einiges zu bieten. Ein Machtregime, das vielleicht nicht auf Grund seiner Gewalttätigkeit im Allgemeinen so gefährlich ist, sondern an der kreativen Art sich immer neue psychologische Grausamkeiten auszudenken um jede Art von Aufstand oder Rebellion in den Distrikten bereits im Keim zu ersticken.

Schon der erste Teil ist von der ersten Seite an spannend und aufregend. Durch die Ich-Perspektive aus Katniss Sicht, bekommt der Leser hautnah die Angst vor dem Hungertod und die Notwendigkeit des schnellen Erwachsenwerdens vor Augen gehalten.
Gerade Katniss war mir sehr sympathisch und ich hatte keine Schwierigkeiten damit mich sofort mit ihr als Protagonistin zu identifizieren. Ihre Sorge um ihre Familie macht sie zu einem tiefgründigen Charakter und die Liebe zu ihrer Schwester hält so manches Drama bereit und beschert ihren Entscheidungen die nötige Logik. Trotz ihrer Art vieles aus logischen Gründen zu tun, wirkte sie nie distanziert oder kühl auf mich. Es ist nur ein weiterer verständlicher Schritt, dass Katniss für ihr Alter schon relativ reif ist, bedenkt man, dass sie bereits in ihrem elften Lebensjahr dafür gesorgt hat, das ihre Familie überleben kann.

Auch Peeta, der andere Tribut aus Distrikt 12, ist interessant gestaltet. Zu Beginn wirkte er noch etwas blass, vielleicht ein wenig zu sehr der typische „Gutmensch“ aber gerade während der eigentlichen Spiele bekommt er Charakter. An manchen Stellen ist sich der Leser nicht sicher, welche Beweggründe Peeta haben mag, aber ahnen kann man es. Und gerade sein Verhalten Katniss gegenüber verleiht dem Roman eine emotionale Struktur, die mich mitreißen konnte.
Natürlich ist in einer solchen Situation Liebe kein Thema für Katniss und als sie dann doch auf die ein oder andere Weise mit dieser Frage konfrontiert wird, muss sie sich erst zurecht finden. Dennoch ist auch „Romantik“ ein bleibendes Thema in den Romanen. Auch wenn sie ganz anders in den Vordergrund gerückt wird, als man es aus anderen Jugendbüchern gewohnt ist.

Aber generell die Interaktion der Figuren übt einen großen Reiz auf den Leser aus. Einige Szenen sind geradezu dramatisch echt geschildert, so dass der Leser die Möglichkeit bekommt sowohl Traurigkeit, als auch Zuneigung und Angst sehr gründlich aus Katniss Sicht zu erfahren.
Gerade die ersten Hungerspiele sind noch nicht auf das Große Ganze ausgerichtet, sondern auf Katniss als eigenständige, einzelne Person, ihre Sorgen und Probleme und ihrem Kampf zu überleben.

Viele Details machen das Geschehen lebendig und lassen es authentisch wirken. Außerdem ist die Autorin in der Lage, diese Kleinigkeiten nicht in der Versenkung der Bedeutungslosigkeit verschwinden zu lassen, sondern sie später – teilweise – erst in den Folgeteilen wieder an die Oberfläche zu ziehen und ihnen eine tiefere Bedeutung beizumessen, ohne beim Leser das Gefühl von „Gewolltsein“ oder eines „Deus ex Machina“ aufkommen zu lassen. So hat zum Beispiel Katniss' Spottöpelbrosche am Anfang keine andere Bedeutung, als das Symbol von Zuneigung und Anteilnahme. Später wird diese Brosche zum Symbol der Revolution.

Das Ende des ersten Bandes lässt einiges offen und auch einiges erahnen. Für mich war es ein Muss, direkt mit dem zweiten Band weiter zu machen.

Der zweite Band ähnelt dem ersten sehr, auch wenn er mit ganz anderen Beweggründen und Aspekten aufwarten kann.
Man spürt, dass Katniss an ihren Erlebnissen in den ersten Hungerspielen gewachsen ist, vielleicht gereift, vielleicht sogar ein wenig gebrochen.
Doch die Angst vor dem Kapitol schwebt ständig über der Szenerie. Der Blickwinkel rückt ein wenig von Katniss als Person ab und beginnt schon zu Anfang damit, das Große Ganze, etwas Allgemeineres, ins Sichtfeld zu nehmen.

Die Tour der Sieger führt Katniss und Peeta, aber auch dem Leser einige Dinge deutlicher vor Augen, werden – wo sie im ersten Roman nur angedeutet wurden – etwas tiefer beleuchtet und machen so einen Großteil der Spannung aus.
Katniss muss sich jetzt noch mehr mit den eigenen Emotionen und dem Verhalten Peeta und auch Gale – ihrem besten Freund – gegenüber auseinander setzen.
Gale, der im ersten Roman nicht mehr als eine Randfigur gewesen ist, bekommt ebenfalls mehr Charakter und ist eine der Figuren, die sich kontinuierlich, aber stark weiter entwickeln. Anfängliche Sympathien und Antipathien den verschiedenen Figuren gegenüber werden verschoben oder ins rechte Licht gerückt.

Auch die Begründung für die nächsten Hungerspiele bleibt für mich nachvollziehbar. Wer befürchtet, dass diese Handlung nur ein Abklatsch des ersten Bandes werden könnte, wird hier eines Besseren belehrt.
Der Schwerpunkt liegt nicht mehr auf Katniss allein, auch das Setting der Arena hat sich verändert, die Interaktion der verschiedenen Figuren und deren Ziel wird in den Vordergrund gesetzt und eröffnen der Geschichte ungeahnte Möglichkeiten. Alles hat sich verändert und die Atmosphäre von Verzweiflung, Aussichtslosigkeit und kühler Berechnung macht es dem Leser nicht leicht, das Buch wieder aus der Hand zu legen.
Das Ende des zweiten Teils hält einen großen Cliffhangar für die Leser bereit und gönnt ihm keine Atempause. Das Gefühl von Gefahr und Angst ist noch greifbarer und nimmt einem die Luft.

Der dritte Teil dagegen hebt sich gänzlich von seinen Vorgängern ab. Katniss ist und bleibt zwar die Hauptperson des Ganzen, aber wieder verändert sich der Schwerpunkt und plötzlich sind es nicht mehr nur Katniss oder Peeta, um die man sich sorgt, sondern es geht um ganz Panem.
Katniss wird mit einer neuen Art von Kontrolle konfrontiert und sieht sich wieder als Spielfigur in Machtspielen und Intrigen. Nur ist es diesmal nicht mehr nur das Kapitol, das sie lenken will, sondern es ist die „Regierung“ der Rebellion.
Aufstände und Revolution erschüttern die Welt und diesmal leidet Katniss, weil sie zur Untätigkeit und Hilfslosigkeit gezwungen ist.

Der dritte Teil beginnt relativ ruhig, etwas langsamer als die Vorgängerteile und vermitteln dem Leser ein noch stärkeres Gefühl von Verlassensein und Bedrückung. Katniss innere Kämpfe werden dem Leser deutlich vor Augen geführt und er leidet mit ihr.
Gegen Mitte des Buches wird dann aber wieder mehr wert auf Aktion als auf Reaktion gelegt. Es kommt wieder Fahrt auf und die Gewalt und die Grausamkeit nimmt kontinuierlich zu. Ein Drama reiht sich an das nächste und liebgewonnen Figuren verändert sich, gehasste Personen sind auf einmal zur Zusammenarbeit gezwungen.
Diesmal sind die Fronten relativ schnell klar. Auch der Leser weiß meistens woran er ist. Es gibt kein Hadern mehr, kein Zaudern. Das Ziel ist klar und Katniss befindet sich wieder in einem Kampf um Leben und Tod, nur dass sie diesmal kein rettendes Ziel vor Augen hat, keine Heimat mehr, zu der sie zurück kehren will.
Das Thema „Arena“ wird aufgearbeitet und auf ein viel größeres, „echteres“ Territorium verlegt.
Die Autorin gönnt ihren Protagonisten keine Ruhepause mehr und auch der Leser befindet sich plötzlich in einem Kreuzfeuer, das so viel allgemeiner, größer und erschreckender ist, als es die Hungerspiele je sein konnten.

Das Ende des dritten Teils ist erschütternd, aber befriedigend. Es kommt schnell, es kommt gewaltig und wenig zaghaft. Es ist dramatisch und magisch und dreckig und dabei auf unbedenkliche Weise noch wohlwollend.
Der Epilog versöhnt den Leser mit den Geschehnissen und mit all den Tränen, die er während des Lesens vielleicht vergossen hat. Es gibt einen hoffnungsvollen Schimmer am Ende und das macht die Lektüre der drei Romane zu einem runden und emotionalen Erlebnis.

Die Tribute von Panem haben als Gesamtwerk von allem etwas zu bieten, reißen mit, regen zum Nachdenken an, sind dramatisch und bedrückend und dabei vielfältig und spannend. Die Charaktere haben Tiefe und weisen Entwicklungen auf. Das Setting verändert sich und ist mit interessanten Details gespickt, die die ganze Geschichte lebendig und authentisch wirken lassen.
Eine Trilogie, die ich nur jedem empfehlen kann!

Kommentare:

  1. Das kann ich unterschreiben, so wie es da steht! Sehr schöne Rezension :)

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  2. Mir gefällt die Gesamt-Rezension auch sehr. Kann dir nur zustimmen. Fand die Trilogie auch sehr toll und empfehlenswert.

    Liebe Grüße, Diti

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  3. Tolle Rezension - ich bin wirklich am überlegen, die Bücher auch mal zu lesen. Bin jetzt neugierig ;-)
    LG Lene

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  4. Wow eine wirklich rundum gelungene Rezension!
    Ich habe bis jetzte nur den ersten Band gelesen und finde es irgendwie ein bisschen schade,dass nicht mehr Romantik vorkommt un dass Katniss Peeta oft nicht zuhört wenn er ihr sagt,dass er sie liebt bzw. wenn er Andeutungen macht.Aber bis jetzt find ich die Bücher toll

    http://fliegende-gedanken.blogspot.com

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