Samstag, 7. September 2013

Rezension zu Erbarmen von Jussi Adler Olsen

Jussi Adler Olsen
Erbarmen
dtv (1. Feb. 2011)
Taschenbuch
Originaltitel: Kvinden i buret
ISBN:  978-3423212625
432 Seiten
9,95 Euro

„Erbarmen“ ist ein Kriminalroman mit viel verschenktem Potential.


Kurzbeschreibung:
Eine junge Frau verschwindet und wird jahrelang in einem Gefängnis aus Beton festgehalten. Sie wird gefoltert und gequält. Jeder ging von Selbstmord aus. Niemand sucht sie. Doch dann wird eine neue Sondereinheit bei der Mordkommission eingerichtet, die sich mit dem Lösen von uralten Fällen beschäftigt. Hat diese Frau noch eine Chance?

Der grundsätzliche Aufbau dieses Krimis ist nicht schlecht. Die dänische Mordkommission wird von politischer Seite dazu gezwungen ein Sonderdezernat aufzubauen, das speziell dazu genötigt wird alte, noch offene Fälle, die bei den ersten Ermittlungen in eine Sackgasse geführt haben, zu untersuchen. Dafür eingesetzt wird Carl Morck, ein älterer Kollege, der auf Grund verschiedener Vorkommnisse in seiner Vergangenheit für den normalen Dienst unter Kollegen nicht mehr tragbar ist. Zur Seite steht ihm dazu ein Hilfsarbeiter namens Assad.

Der erste Fall, den die beiden untersuchen, handelt von einer jungen Politikerin, die einfach verschwunden ist und bei der man von Selbstmord ausging.
Leider werden viele Kapitel aus der Sicht der Politikerin (Beschreibungen der Vergangenheit) geschrieben und diese sorgen dafür, dass der Plot schon an sehr früher Stelle für den Leser durchschaubar ist. Einige Kapitel, gerade die, die das Leiden der jungen Frau beschreiben, sind einigermaßen berührend und emotional, aber wirkliche Spannung kam bei mir nicht auf. Nicht einmal bei der Frage, wird sie überleben, oder wird sie es nicht.

Dazu kommt, dass Carl ein unglaublich unsympathischer Charakter ist. Sein Leid in allen Ehren und ich habe auch ein gewisses Verständnis für sein Verhalten, aber der Autor reizt diesen Umstand in allen Details aus und nach der zwanzigsten Wiederholung hat mich das träge, uninteressierte Gejammer des Protagonisten einfach nicht mehr gekümmert. Und als sei das Trauma seiner Vergangenheit noch nicht genug, hat er noch einen nervigen Teenagersohn, der zwar immer wieder erwähnt wird, aber für die Geschichte vollkommen irrelevant ist, eine penetrante Exfrau, die ebenfalls ständig aus unerfindlichen Gründen erwähnt wird, einen merkwürdigen vollkommen unwichtigen Nachbarn und dazu nur Kollegen, die anscheinend ganz ganz fiese oberflächliche Gestalten sind und einen Chef, zu dem er alle fünf Minuten hinrennen muss um irgendwas Nebensächliches zu besprechen.
Zudem verhält sich Carl meistens selbst wie ein missgünstiger, rachsüchtiger Bastard, dem man weniger Tee anbieten sollte, sondern viel mehr Mal eine Faust ins Gesicht. (Man merkt, diese Figur hat mich – Gott verdammt – so unglaublich wütend gemacht.) Aber natürlich, ist er der arme Kerl und alle anderen sind ganz böse und wenn es nach Carl geht, würden alle keinen Nachtisch bekommen.

Statt das Augenmerk auf diesen einen bestimmten Fall zu legen und so die Spannung einigermaßen aufrecht zu halten, werden noch andere Fälle, die andere Leute bearbeiten, eingestreut, in die sich Carl (obwohl er doch eigentlich so vollkommen uninteressiert ist) einmischt und natürlich noch ein querschnittsgelähmter Ex-Kollege, der am liebsten sterben möchte. So viele Baustellen werden angeschnitten und kein Zweig wird ernsthaft verfolgt.
Dazu kommt, dass alle Figuren irgendwie sehr ähnliche Macken aufweisen. So ziehen mindestens drei Charaktere in schöner Regelmäßigkeit die Augenbrauen hoch und viele Figuren, „denken gerade sehr an eine Zigarette“. Generell – würde man als Leser jedes Mal einen Schnaps trinken, wenn das Wort Zigarette oder Kippe genannt wird, wäre man bereits nach 30 Seiten betrunken und nach 100 Seiten vermutlich genauso uninteressiert am Ausgang des Falls wie der diensthabende Ermittler selbst.

Der einzige Lichtblick an diesem Roman ist die äußerst sympathische Figur des Assad. Assad beginnt als syrischer Einwanderer als Putz und Kaffeekochkraft, doch nach und nach entpuppt sich (oh Wunder) dass in ihm doch eine Menge mehr steckt als zuvor angenommen, außerdem hat er einige Geheimnisse, die sicherlich erst in den Folgebüchern des Autors gelüftet werden. Denn irgendwie muss man ja die Spannung halten.
Die Frage ist, ob es an Rassismus grenzt, dass ausgerechnet ein junger Mann aus dem Nahen Osten vordergründig ein wenig dümmlich dargestellt wird und wenig überraschend eigentlich ein kleines Wunder in sich verbirgt.

Das Ende des Buches war für mich nicht überraschend, der Höhepunkt zog sich, obwohl doch eigentlich nur wenige Seiten dafür verwendet wurden, furchtbar in die Länge und am Ende war in mir nur noch der Wunsch, dass die Gefangene endlich stirbt und die Mordkommission in die Luft gesprengt wird, damit klügere Menschen (wie Assad) zum Beispiel endlich die Fäden in die Hand nehmen können. Nur bitte, tut mir einen Gefallen, schreibt darüber nicht auch noch einen Roman.

Oder auch einfach und abschließend gesagt: Mit weniger nebensächlichen Einwürfen, weniger nervenden Personen und vielleicht etwas mehr Zurückhaltung in der Informationsfreigabe hätte man aus der Grundidee sicher einiges mehr rausholen können. Und bitte, schickt den Protagonisten in eine Therapie, sonst stirbt er vermutlich vor dem nächsten Roman noch an Lungenkrebs.

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