Montag, 6. Oktober 2014

Rezension: Der Weg der Könige – Sturmlicht-Archive 1 von Brandon Sanderson

Der Weg der Könige
Brandon Sanderson
Heyne Verlag (25. April 2011)
Hardcover
ISBN: 978-3453267176
Originaltitel: The Way of Kings – The Stormlight Archive  Book 1 (Part 1)
896 Seiten

21,99 Euro

Das Buch ist als Gesamtwerk episch und nahezu vollkommen.


Kurzbeschreibung:

„Roschar ist eine sturmumtoste Welt, die über Jahrtausende von übermenschlichen Kriegern regiert wurde, deren Schwerter jedes Leben auslöschen konnten. Doch die Krieger sind verschwunden und Roschar droht zu zerfallen. Das Schicksal der Welt liegt nun in den Händen derer, die es wagen, die magischen Schwerter zu ergreifen

Aufmachung:

Vorweg erstmal muss ich sagen, dass die Aufmachung der gebundenen Ausgabe wirklich wunder- wunderschön ist. Es gibt farbige Karten von Roschar im Einband, dazu eine etwas detailliertere Karte in Schwarz-Weiß – viele Seiten sind mit Zeichnungen und wunderbaren zum Buch passenden Illustrationen versehen, die Kapitelanfänge sind ebenfalls zeichnerisch gestaltet.
Alle Skizzen haben einen direkten Bezug zum Inhalt und sind kleine Kunstwerke.

Der Weg der Könige - Seite 84f


Struktur:

Das Buch ist in fünf verschiedene Teile unterteilt. Drei Hauptteile und zwei Interluds. Alle Teile haben an den Kapitelanfängen eigene Gimmicks. Gerade im ersten Teil die fiktiven Zitate von Sterbenden, die dort gesammelt werden, waren wunderbar zu lesen und haben sehr viel für die Atmosphäre getan.
Die Zwischenspiele waren ebenfalls ein großes Glück, denn sie brachten dem Leser Charaktere, Rassen und Orte näher, die mit der Haupt-Plotline so erstmal nichts zu tun gehabt haben. Außerdem greift die jeweils dritte Geschichte in einem Interludium die weitere Zukunft der Figur aus dem Prolog auf. Das heißt, der Leser muss von diesem Charakter nicht direkt wieder Abschied nehmen, sondern darf auch ihn weiterhin begleiten und er scheint im Verlauf der Geschichte noch einen großen Anteil am Geschehen zu haben.

Weltenentwurf:

Wie nicht anders von Brandon Sanderson zu erwarten, ist die Welt in allen Details (soweit im ersten Teil bereits erkennbar) ausgearbeitet. Wir haben Städte, verschiedene, teils neuartige Rassen, ein interessantes und funktionierendes Kasten und Herrschaftsystem, eine geografische Geschichte, aber auch verschiedene Religionen und eine lebendige Vergangenheit, der man ihren natürlichen Wandel ansieht und auch glaubt.

Teilweise war das Ganze zu Beginn des Buches so enorm komplex, dass ich von den vielen verschiedenen Namen, Begriffen und Anmerkungen wie erschlagen gewesen bin. Es dauerte eine Weile bis ich mich zu recht finden konnte. Ich wurde zwar direkt in das Geschehen gesogen und konnte kaum aufhören zu lesen, dennoch fühlte ich mich am Anfang ein wenig desorientiert.

Aber mit der Zeit legte sich das. Sanderson hält sich nicht lange mit endlosen Erklärungen auf, sondern zeigt dem Leser seine Welt, durch Begebenheiten und durch handelnde Figuren. Es wirkt nicht aufgezwungen, nicht konstruiert, sondern lebendig und dynamisch.

Generell hat Sanderson hier wie auch in Elantris und in der Mistborn-Reihe eine Welt erschaffen, in der nicht alles Heil und Rosa ist, sondern eine Welt, die aus Großstürmen, Felsen und einem rauen Leben besteht. Sogar die fiktive Flora und Fauna hat sich an die Begebenheiten Roschars angepasst. 
Und ich liebe die verschiedenen Wesenheiten einfach sehr, sie bergen ein ungeheures Potential. Vor allem die Ryschadium Pferde haben es mir sehr angetan.

An dieser Stelle möchte ich auch die Idee der Sprengsel nicht außer Acht lassen. Eine Art „Wesenheit“, die von verschiedenen Gefühlen und Zuständen angezogen werden und die anscheinend teilweise durchaus zu einer gewissen Art von Intelligenz fähig sind. Ich liebe die Sprengsel, auch wenn sie bis auf einen Fall im ersten Teil der Reihe nur eine nebensächliche und eher untergeordnete Reihe spielen. Aber sie geben der Welt noch einen Ticken mehr Lebendigkeit.

Ich könnte stundenlang von dem Detailreichtum der Kulturen und Schauplätze berichten, möchte aber ungern zu Vieles vorweg nehmen. Nur so viel, eine absolut absolut komplexe Weltengestaltung, ausgefuchste Magiesysteme, die noch spannend zu werden versprechen, denn allzu viel deutliches hat man darüber noch nicht erfahren und eine Geschichte die das Zeug dazu hat episch zu werden.

"Einen Moment lang war er einfach nur er selbst. Er und der Wind. Er kämpfte mit dem Wind, und dieser lachte." Der Weg der Könige - Seite 647

Charaktere:

Gerade die Charaktere müssen auf jeden Fall neben dem Weltenentwurf und den verschiedenen magischen Systemen vor allem erwähnt werden. 

Mein liebster Charakter war die POV Figur Kaladin. Ein Dunkelauge, und damit Angehöriger einer niederen Kaste , aber ein Charakter mit einer interessanten Vergangenheit und einer zwiegespaltenen Seele – ein Mann an dem mehr dran sein muss, als man auf den ersten Blick ahnt. Wobei ich hier tatsächlich einiges schon auf den ersten Seiten erahnt hatte. Aber wie seine Geheimnisse natürlich in das Gesamtkonzept passen, weiß ich absolut noch nicht. Es steht aber auf jeden Fall fest, Kaladin ist bisher mein unangefochtener Liebling.

Die Kapitel mit der Rückschau in seine Vergangenheit habe ich besonders genossen. Der Leser bekommt seine Informationen häppchenweise, was die Spannung erhöht, bekommt aber dennoch notwendige Informationen, die den Charakter einfach noch sehr viel vielschichtiger machen.

Shallan, der einzige weibliche Protagonist, ist wohl eher für die Einführung der Philosophie, Wissenschaft und Geschichte zuständig. Ich mag sie eigentlich ganz, aber bisher waren diese Kapitel, die die am blassesten erschienen. Man erfährt zwar viel von den verschiedenen Kulturen durch ihre Augen und auch einige über die Religion und die Moralgrundsätze Roschars, aber so richtig viel passieren wollte dort nicht. Erst am Ende gab es dann noch mal so eine Szene, wo ich wirklich mitgefiebert habe. Dennoch hab ich auch von ihr sehr gerne gelesen, denn gerade durch ihren Zusammenhang mit Jasnah, der Schwester des Königs, ist sie wichtig für das Geschehen. Gerne würde ich auch über ihre Vergangenheit gerne mehr erfahren, oder meinetwegen auch aus Sicht ihres verrückten Bruders.

Adolin und Dalinar, auf denen vor allem im zweiten Teil das Hauptaugenmerk lag, habe ich gerne begleitet, denn durch sie erfährt man viel über den langen Krieg auf den zerbrochenen Ebenen, die Ebenen selbst und die Herrschaft. Adolin ist ein bisher eher durchschnittlicher Charakter. Sein Vater dagegen sehr vielschichtig und ich bin gespannt wie es mit beiden weiter geht.

Es mag ironisch sein, dass ich Adolins schwächeren, kränklichen Bruder sehr viel interessanter finde.

Aber eben auch alle anderen Charaktere sind sehr fein gezeichnet, haben ihre Eigenschaften, ihre tiefgehende Persönlichkeit, ihre Ängst, Schwächen und Stärken und jeder trägt einiges zur Stimmung des Buches bei. Egal ob es sich dabei um vermeintliche Antagonisten wie Sadeas handelt oder Baz, oder eben Protagonisten wie Elhokar, Fels oder oder oder. Dabei darf man nicht außer Acht lassen, dass einige Charaktere eben nicht so einfach gut oder böse sind, wie man meint.

"'Ja', antwortete Jasnah, 'alle Worte haben die Eigenschaft, Gefangene ihrer eigenen Definitionen zu sein'" Der Weg der Könige - Seite 862 

Ende:

Das Ende ist ja nicht wirklich das Ende, sondern eher so etwas wie der Höhepunkt des ersten englischen Bandes, da die Originalausgabe im dt. in zwei Teile gesplittet worden ist, dennoch muss ich die letzten Seiten wirklich loben. Die Ereignisse überschlagen sich und lassen den Leser zwar mit einer Ahnung, aber auch einem Haufen widerstreitender Gefühle zurück. Ein „Ende“ also, dass zum Weiterlesen nicht nur einlädt, sondern fast schon zwingt.

Anderes:

Jetzt habe ich viel über das Buch geschrieben, so viel Positives und Lob, dass ich an dieser Stelle doch noch eine kleine Kritik anbringen muss.
Das Lektorat der deutschen Übersetzung war teilweise schlampig. Ich sehe ein, dass ein solches Mammutwerk zu Flüchtigkeitsfehlern neigt, aber stellenweise waren die Rechtschreib- und Grammatikfehler einfach zu häufig, um es unkommentiert stehen zu lassen.

Fazit:

Ein toller, nein, ein großartiger Auftakt, der mich mitfiebern ließ, mit wunderbaren Charakteren und einer Komplexität, die Ihres gleichen sucht. Eine Welt, die neuartig und dennoch authentisch ist, ein Werk, das Lust auf mehr, auf sehr viel mehr macht und das dazu geführt hat, dass ich den Autor nun wirklich sehr für sein Handwerk bewundere. Das beste Buch, das ich dieses Jahr gelesen habe. 

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