Montag, 5. Januar 2015

Über das Vorlesen...

Seit einigen Tage denke ich, dass es für mich Zeit ist, auch mal etwas zu diesem Thema zu schreiben. Da mich das Vorlesen schon seit meiner Kindheit begleitet und das auf sehr unterschiedliche Weise.
Als ich selbst noch sehr klein gewesen bin, wurde mir Abends von meiner Ma vorgelesen. Ich erinnere mich an Pixiebücher, Die kleine Raupe Nimmersatt, aber auch die Kinder-Bibel. 
Später hatte ich immer einige Pflegegeschwister und auch da wurde viel vorgelesen. Tranquila Trampeltreu und Der Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat, aber auch die ganzen Leselöwen-Geschichten.
Sprich das Vorlesen und später das Selber-Lesen war schon immer eine Selbstverständlichkeit.

Als ich dann  älter wurde war ich an der Reihe vorzulesen.
Meine Schwester ist 9 1/2 Jahre jünger als ich und oft musste durfte ich an Übernachtungs-Kindergeburtstagen den Kiddies vorlesen. Gerne Gruselgeschichten für Kinder. Meine Schwester, eigentlich so gar keine Leseratte, mochte das Vorlesen aber immer sehr gerne. Ich war immer sehr stolz als große Schwester.
Das Gymnasium, das ich besuchte, hatte zu Beginn noch einen Ruf der Strenge und Härte und wir wurden zum vorlesen gezwungen und bekamen mehr oder weniger auch Noten dafür.
Irgendwann dann gab es einen stadtweiten Vorlesewettbewerb. Der Vorentscheid wurde bei uns in der Stufe getroffen und irgendwie hatte ich gar nicht so richtig verstanden, worum es eigentlich ging.
Ich sollte mir ein Buch aussuchen und daraus vorlesen.
(Ich kann mich erinnern, dass ich damals aus dem ersten Dolly-Band von Enid Blyton vorgelesen habe. Ich war vollkommen verrückt nach Internatsgeschichten damals) 

Irgendwie habe ich wohl gewonnen und wurde dann zu diesem "richtigen" Wettbewerb geschickt. Ich wählte damals (wieder aus Vorliebe) das Buch "Ausgelöscht" aus der Fear Street Reihe. Mein erstes Buch der Reihe und immer mein liebstes geblieben.
Dann vergaß ich die ganze Sache wieder. Dann kam der Tag des Wettbewerbs. Alles ging vorüber wie in einem Rausch. Ich las vor, nicht besonders begeistert, ich hatte absolut keinen Ehrgeiz. Ich wusste nicht mal so genau, was das alles sollte.
Ich wurde überraschend Zweite. Ein Junge gewann, der mit verstellten Stimmen las und der seinen Text vermutlich sogar auswendig hätte hersagen können. Ich hatte großen Respekt vor seiner Vorstellung.
Ich bekam das Buch "Paul und Paula" geschenkt. Ich war vollkommen zufrieden mit einem neuen Buch. Vor allem weil ich das Buch wirklich gerne mochte. Meine Eltern mit meiner mangelnden Hingabe allerdings nicht.
Danach wollte ich nie wieder öffentlich vorlesen.

Dennoch gab es einige andere "Vorlese-Abenteuer".
Eine Zeit lang habe ich als junges Mädel einen bestimmten Hof in Ihlow, im schönen Niedersachsen besucht und Abends/Nachts wenn ich nicht schlafen konnte, habe ich mich verbotener Weise in den Stall geschlichen um bei meinem liebsten Pony zu sein.
Zu der Zeit hatte ich gerade die Horror-Abteilung der Erwachsenen-Bibliothek für mich entdeckt. Eigentlich war ich noch zu jung für die Abteilung, aber man kannte mich da, seit ich ein kleines Döppken war. Ich ging fast jede Woche mit drei bis fünf Büchern nach Hause und brachte sie gelesen zurück.
Jedenfalls hatte ich eines Tages ein Buch von Dean Koontz mit im Urlaub - irgendwas wo Menschen alle Gefühle verlieren und nur noch Aggression und Furcht in ihnen überleben - oder so ähnlich. Ich saß in der Box und las.
Irgendwann kamen die anderen Mädels. Sie waren neugierig und hatten es sich zur Angewohnheit gemacht sich zu mir in die Box zu setzen. Meinem Lieblingspony war das eh Jacke wie Hose. Wir waren ja still. Irgendwer fragte mich dann, was ich da lese.
So begannen zwei Wochen mit einem regelmäßigen abendlichen Vorlesen.
Ich glaube im Nachhinein habe ich einigen Kids ziemliche Alpträume beschert, andere haben vermutlich gar nicht verstanden worum es ging, weil sie noch zu jung waren. Aber es ging weniger um den Inhalt, als um das Vorlesen an sich und daher haben es vermutlich alle sehr genossen.

In der zwölften Jahrgangsstufe wurde ich von meiner Deutschlehrerin in Kooperation mit meinem Schuldirektor darum gebeten, an einem Schreibwettbewerb teilzunehmen. (Die Lehrerin mochte mich nicht, aber irgendwie fühlte sie sich verpflichtet mein "Talent" zu fördern. Wo auch immer sie das gesehen hat.)
In dem Wettbewerb ging es darum ein Essay über das "Lesen" zu schreiben.
Ich hatte damals noch nie ein Essay geschrieben, nicht mal etwas davon gehört. Also schrieb ich eher eine Art Erfahrungsbericht über genau diese Vorlese-Situation. Ich schrieb mit großer Leidenschaft und fand meiner Ansicht nach auch die richtigen Worte.
Es wurde eine Art Appell mehr zu lesen.
Vier Wochen später bekam ich einen Formbrief mit der Standart-Absage "Es tut uns leid Ihnen mitteilen zu müssen, dass Ihr Text nicht in die engere Auswahl usw. usf." Darunter stand handgeschrieben von der Jury die Bitte niemals mit dem Vorlesen und Lesen aufzuhören, es wäre schade, so eine Leidenschaft verschwendet zu sehen. Unterschrieben war der Brief von der gesamten Jury. Irgendwie fand ich das ja nett. Meine Lehrerin war allerdings nicht so angetan von meinem Versagen.
Jaja, irgendwer ist immer unzufrieden.

Ansonsten war ich oft in betreuender Funktion auf Kinderfreizeiten in Holland und Umgebung unterwegs. Jeden Abend (nicht- obligatorisch) durfte wer mochte, sich zu uns in die sogenannte Bauernecke setzen (eine rustikale und sehr gemütliche Nische) und sich vorlesen lassen.
Ich las aus dem Buch "Eine Woche voller Sams-tage" - diesmal auch mit verstellten Stimmen und die gesungenen Stellen sang ich mit ausgedachten Melodien.
Am ersten Abend hatte ich fünf Kinder um mich herum, zum Bergfest sicherlich 40 von 50 und am Ende der Freizeit so ziemlich alle. Alle bewaffnet mit Kissen und Teddys und gemütlich aneinander gekuschelt.
Das waren schöne Abendausklänge.

Heute lese ich sehr viel seltener vor. Ich würde sogar soweit gehen zu sagen, dass ich es nahezu nie tue.
Doch vor einiger Zeit habe ich angefangen meinem Kerl "Der Name des Windes" von Patrick Rothfuss vorzulesen. Ich wollte das Buch sowieso gerne re-readen, also schlug ich es vor und der Vorschlag wurde begeistert angenommen.
Wir kuscheln  uns dann immer zusammen auf die Couch, er kocht Tee und dann mummelt wir uns in Decken und ich lese, bis wir müde werden.
Bisher sind wir auf Seite 113. Natürlich ist das nicht so besonders viel, aber Vorlesen braucht seine Zeit und seine Ruhe. Ich genieße diese Zeiten immer sehr.

Dieser Text ist länger geworden, als es ursprünglich meine Absicht gewesen ist, aber irgendwie war mir heute danach mal etwas über das Vorlesen an sich und meine Erfahrungen damit zu schreiben.
Ich würde gerne wissen, ob auch jemand von euch auch heute noch vorliest, vielleicht sogar selbst Kinder hat und ihnen vorliest...

Kommentare:

  1. Schöner Beitrag.
    Vorlesen finde ich auch etwas sehr tolles und ich habe auch noch ein paar sehr schöne und lustige Erinnerungen, wie meine Mutter das für mich gemacht hat - und ich glaube auch ich mal für sie.

    Ich selbst würde es gerne öfter selbst machen, aber einerseits fehlt mir das Publikum, andererseits habe ich dann doch zu viel Lampenfieber. Aber Anfang Dezember habe ich mich dann doch sehr spontan auf eine Lesebühne hier bei uns im Pub getraut und ein paar meiner Kurzgeschichten vorgetragen.
    Das war ein ziemlich unglaubliches Gefühl da oben zu stehen und - nahezu - alle hören einem zu...

    LG
    Poison(painter)

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    1. Das was du erzählst erinnert mich daran, dass ich unbedingt noch mal zum PoetrySlam wollte. Aber dafür schreibe ich eher Gedichte, und keine Geschichten. Ansonsten mag ich das auch sehr gerne. So weit ich weiß gibt es zum Welttag des Buches immer so Aktionen, wo man in Altenheimen, Krankenhäusern und Ähnlichen Leuten vorlesen kann, die es selbst nicht mehr können. Vielleicht findest du da ja bald mal Publikum. Ich muss das auch unbedingt mal ausprobieren. Wobei ich dann Bammel hab, weil es vermutlich Fremdtexte sind, die man da vorliest und ich finde es einfacher, wenn ich den Text kenne, den ich vorlesen soll :)

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  2. Angeblich hat meine Mutter mir vorgelesen als ich klein war, aber sie muss damit aufgehört haben, bevor ich mich daran erinnern konnte. Stattdessen hat mir meine große Schwester Bücher vorgelesen und mich mit neuen Geschichten aus der "großen Bibliothek" versorgt, in die ich noch nicht gehen konnte, weil sie in der Innenstadt lag.

    Dann kam eine lange Zeit, in der ich nur für mich gelesen habe. Zwischendurch gab es mal einen "Märchenerzählerkurs", an den ich mich gern zurückerinnere, aber ich habe das Gelernte nie wirklich angewandt. Als ich dann meinen Mann kennenlernte und wir uns in den ersten Monaten gegenseitig vorgelesen haben, haben wir das beide sehr genossen, aber im Laufe der Jahre ist das dann wieder etwas untergegangen. Dafür habe ich dann einige Zeit für eine Bibliothek gearbeitet und bin im Rahmen dieser Arbeit auch in Kindergärten und Horte gegangen und habe dort vorgelesen, was einfach unglaublich viel Spaß gemacht hat. Vorlesen hat doch immer seine ganz eigene Magie. :)

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  3. Mein Kerl und ich sind ja noch nicht allzu lange zusammen. Ich hoffe, dass wir das noch ganz ganz lange machen. Wobei ich vorlese und er zuhört, bzw. er darf den Tee kochen ;)
    Ich lese ja auch viel einfach nur für mich alleine. Aber ich finde es ist schon was ganz Besonderes, gerade für Kinder vorzulesen. Die Kleinen können sich einfach noch besonders gut in Geschichten hinein versetzen. Aber ist schon wahr. Vorlesen hat wirklich seine ganz eigene Magie. :) Finds schön, dass auch andere noch schöne Erinnerungen daran haben.

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  4. Ich lese meinem Freund auch immer vor - fast der einzige Weg, ein bisschen Buchkultur in ihn zu pumpen :) Unser erstes Buch war "Extrem laut und unglaublich nah", dann kamen sehr bald die Harry Potter Bände und Herr der Ringe, irgendwann dann auch Bücher, die ich auch noch nicht kannte. Gerade lesen wir "Der Marsianer".
    An Weihnachten liest meine Ma manchmal was vor, oder wir lesen im Freundeskreis gegenseitig vor, zum Beispiel Horrorgeschichten zu Halloween. Vorlesen ist einfach toll ;)

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    1. Das klingt auch wunderbar. Da habt ihr ja doch schon einige Bücher "gemeinsam gelesen" :) Mein Kerl liest auch nicht wirklich für sich. Aber auch da sind ja Geschmäcker verschieden und irgendwie ist es ja auch eine wirklich schöne Sache.

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