Donnerstag, 24. September 2015

„Romantik“ in Jugendbüchern/YA



Lange trage ich mich mit einigen Gedanken zu dem Thema, lange wusste ich nicht, wie ich meine Wut und meine Hilflosigkeit in Worte fassen kann. Und um ehrlich zu sein, weiß ich es noch immer nicht.
Ich bin so wütend, dass mir die Worte fehlen. Es ist so vieles falsch, dass ich nicht weiß, wie ich es ausdrücken kann. Und was mich noch wütender macht ist, dass sogar Mütter und Väter und Pädagogen und Lehrer bestimmte Bücher bis in den Himmel loben und mir davon nur schlecht wird.

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Ich möchte nicht, dass meine Tochter zu mir kommt und sagt:
Mama, ich bin total verliebt in den Jungen, der mich immer so beleidigt. Er ist voll der heiße Bad-Boy, aber bestimmt hat er einen guten Kern.“

Ich möchte nicht, dass meine Tochter irgendwann mit einer Sonnenbrille zum Frühstück kommt und sagt:
Mama, aber das war doch nur ein mal und er sagt, dass es ihm total leid tut und dass er das nie wieder macht und seine Augen strahlen doch so.“

Ich möchte meiner Tochter nicht sagen müssen, dass er das immer wieder tun wird und dass das Strahlen in seinen Augen von den Drogen kommt.

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Ich möchte nicht, dass meine Tochter eines Tages nicht mehr nach Hause kommt, weil sie glaubt, dass das anfängliche Verliebtsein gleich die wahre Liebe ist und sie mit einem Typen abgehauen ist.

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Ich möchte nicht, dass meine Tochter glaubt, dass es okay ist einen Drogensüchtigen zu lieben, oder einen Jungen in einer „Gang“, oder einen Lehrer.
Weil die Liebe schon alles regeln wird.
„Aber Mama, das steht so in allen Büchern.“

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Ich möchte nicht hören:
Mama, er ist total männlich, er trifft alle Entscheidungen für mich. Er will mich nur beschützen.“

Ich will nicht sagen müssen:
Er beschützt dich nicht, er kontrolliert dich. Er manipuliert dich, damit er Macht über dich hat. Das ist keine Männlichkeit, sondern Angst.“

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Und vor allem will ich nicht hören müssen:
Erst habe ich ja 'nein' gesagt, aber er hat trotzdem weiter gemacht und am Ende fand ich es auch total gut.“

Ich will meiner Tochter nicht sagen müssen, dass sie gerade missbraucht worden ist.

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Ich will meiner Tochter nicht sagen müssen:
Weißt du, Maus, am Ende waren Romeo und Julia tot.“


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Und ich glaube, dass es vielen anderen ebenso geht. Müttern, Schwestern, Freundinnen, die so etwas niemals hören wollen. Die so etwas niemals erleben wollen.
Also warum genau, finde ich etliche Jugendbücher oder YA-Literatur in den Buchläden, wo das Mädchen am Ende der Trilogie mit dem Typen zusammen ist, der sie in Band 1 beinahe vergewaltigt hätte.

Wieso finde ich Bücher, in denen das Mädchen es vollkommen okay findet, wenn der Typ ihr den Mund verbietet, sie kontrolliert und einsperrt – alles nur zu ihrer Sicherheit.

Wieso finde ich Bücher, in denen es okay, dass der Typ Drogen nimmt, weil die Liebe wird ihn retten und er hat ja so ein gutes Herz und am wichtigsten – er ist ja so heiß und er hat ja so schöne Augen.

Wieso finde ich Bücher, in denen das Mädchen sich in einen minderjährigen Typen verliebt, der es mit 20 oder 30 Mädels getrieben hat. Und das vollkommen okay finden?
Wieso wird der Junge in den Bücher dargestellt, als würde er sich ganz plötzlich um 180° drehen?
Ach, ja, die wahre, unendliche Insta-Love.

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Aber nicht nur die jungen Mädels finden solche Szenen heiß, sind emotional involviert und hypen solche Bücher.
Nein, auch die , „die es eigentlich besser wissen müssten“ - es klingt wie ein Klischee. Aber ich finde es erschreckend. Erniedrigend. Es macht mich wütend und verängstigt mich.
Ich will so etwas nicht mehr lesen müssen. So einen Scheiß, der falsche Vorstellungen weckt, der einfach falsch ist.

Kein Kind, oder Jugendlicher sollte glauben, dass Missbrauch durch einen Lehrer, Erziehungsberechtigten oder den neusten Freund in Ordnung ist. Oder Kontrolle, Manipulation, Lügen. Beleidigungen. Mobbing.

Ich bin hilflos.

Was mir bleibt ist, die Aufklärung und die Chance ein Bewusstsein in meinen Kindern zu wecken, dass das echte Leben sich von Büchern unterscheidet. Und ein Bewusstsein für Falsches und Richtiges.  

Kommentare:

  1. Zum Glück gibt es auch noch andere Bücher! Bücher, in denen es zwar die berühmte "Liebe auf den ersten Blick" gibt, aber deutlich wird, dass man hart arbeiten muss, damit aus diesem ersten Verliebtsein eine Beziehung wird. Bücher, in denen er dazu neigt ihr Schwierigkeiten aus der Hand nehmen zu wollen, sie aber deutlich macht, dass sie durchaus in der Lage ist allein mit ihren Problemen fertig zu werden. Bücher, in denen deutlich wird, dass Liebe allein nicht reicht, wenn Freundschaft, Vertrauen und Zuverlässigkeit fehlen. Bücher, in denen vielleicht sogar aus einer "Vernunftbeziehung" Zuneigung wird, die stabiler ist als eine "Liebe auf den ersten Blick", weil beide Partner sich auf Augenhöhe zusammengefunden haben und eine gemeinsame Basis vorhanden war, bevor es Liebe wurde.

    So groß der Hype um die Bad Boys ist, so gibt es zum Glück noch andere Geschichten. Und so neu ist diese Tendenz gar nicht mal. In meiner Schulzeit (das muss 1983 gewesen sein) haben wir ein Buch gelesen, das aus Sicht des bösen Jungen geschrieben wurde - und ein Mitschüler meinte bei einer Diskussionsrunde, dass er nicht verstehen würde, dass all diese Mädchen auf den Protagonisten reinfallen, obwohl er sie so beschissen behandelt ... Drüber reden, andere Geschichten anbieten und die Kinder so erziehen, dass sie mit offenen Augen und möglichst stabilem Selbstbewusstsein durchs Leben gehen, ist wohl die beste "Waffe" gegen solche Rollenvorbilder.

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    1. Das ist schon wahr. Ich wollte mit meinem Beitrag auch nicht alle Jugendbücher über einen Kamm scheren. Ich kenne wirklich viele Jugendbücher in denen die Sache mit der Romantik ganz anders abläuft, oder sogar ganz weggelassen wird. Der Beitrag ist mehr oder weniger eine Affekthandlung gewesen, zumindest der Ton auf jeden Fall.

      Ich bin froh, dass es genügend andere Bücher gibt, die ich meinen Kindern irgendwann anbieten kann. Und wenn ich alles richtig mache, werden sie mit offenen Augen durch die Welt gehen und vernünftige Entscheidungen treffen. :D

      Danke auf jeden Fall für deinen Kommentar.

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    2. Das dachte ich mir! :D Aber gerade deshalb fand ich es wichtig mal an die andere Seite der (Jugend-)Bücher zu erinnern. Manchmal sieht man ja nur noch Dinge, die einen frustrieren, da braucht es einen kleinen Stupser, um den Tunnelblick wieder loszuwerden. ;)

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